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Wie oft ist Bitcoin schon gestorben? Eine Chronik der Totgesagten

Seit 2009 wird Bitcoin regelmäßig für „tot“ erklärt. Und trotzdem steht das Netzwerk bis heute. Was steckt dahinter?

Wenn man Bitcoin nur durch Schlagzeilen betrachtet, könnte man meinen, das Projekt sei längst mehrfach beerdigt worden. In fast jedem großen Bärenmarkt taucht dieselbe Erzählung auf: „Diesmal ist es vorbei.“ Genau deshalb ist die Frage spannend, wie oft Bitcoin bereits totgesagt wurde. Die kurze Antwort lautet: sehr oft. Die längere Antwort zeigt, dass hinter diesen Todesmeldungen meistens eine Mischung aus Kurssturz, Vertrauensverlust und psychologischen Faktoren steckt. Bitcoin ist ein extrem volatiles Asset, und große Drawdowns gehören historisch zum Muster. Was für neue Marktteilnehmer wie der endgültige Kollaps aussieht, wirkt für erfahrene Beobachter eher wie ein wiederkehrender Zyklus.

Ein wichtiger Punkt ist die Unterscheidung zwischen Preis und Protokoll. Viele Todesmeldungen beziehen sich auf den Kurs: fällt er um 70 oder 80 Prozent, wird daraus schnell ein Narrativ vom Scheitern. Das Protokoll selbst lief jedoch in diesen Phasen weiter: Blöcke wurden produziert, Transaktionen bestätigt, neue Nodes kamen hinzu, und die Mining-Schwierigkeit passte sich an. Genau dieses Auseinanderklaffen von Marktpreis und technischer Funktionsfähigkeit wird in Debatten oft übersehen. Der Preis ist kurzfristig emotional, das Netzwerk eher mechanisch und langfristig.

Gleichzeitig darf man die Risiken nicht kleinreden. Jede Krise hatte reale Ursachen: unsichere Börseninfrastruktur, regulatorische Eingriffe, Betrug, übertriebene Hebel und unklare Geschäftsmodelle im Umfeld. Bitcoin wurde nicht „ohne Grund“ totgesagt, sondern weil der Markt tatsächlich schwere Schocks erlebt hat. Dennoch zeigt die Vergangenheit, dass der Kernmechanismus bisher resilient war.

Zeitlicher Verlauf: große „Bitcoin ist tot“-Phasen

Die folgende Übersicht markiert zentrale Phasen, in denen Bitcoin öffentlich häufig für tot erklärt wurde. Die prozentuale Angabe steht für die ungefähre maximale Korrektur in der jeweiligen Phase.

2011: Erster großer Crash nach Hype

ca. -93%

Nach einem frühen Anstieg auf rund 30 USD fiel Bitcoin zeitweise um mehr als 90 %.

2013: China-News und Börsenprobleme

ca. -80%

Regulatorische Unsicherheit und technische Ausfälle führten erneut zu extremen Verlusten.

2014: Mt.Gox-Kollaps

ca. -85%

Der Zusammenbruch der damals größten Börse galt für viele als „endgültiges Ende“ von Bitcoin.

2018: Platzen des ICO-Booms

ca. -84%

Nach dem Allzeithoch 2017 fiel der Kurs im Bärenmarkt deutlich unter 4.000 USD.

2020: Corona-Schock

ca. -50%

Im globalen Liquiditätsstress brachen fast alle Risikoassets ein, auch Bitcoin.

2022: Terra/Luna und FTX-Insolvenz

ca. -77%

Vertrauenskrise im gesamten Kryptosektor; wieder war vom „Tod von Bitcoin“ die Rede.

Warum wird Bitcoin immer wieder für tot erklärt?

Erstens: Volatilität. Bitcoin kann in kurzer Zeit stark steigen und genauso brutal fallen. Solche Bewegungen kennt man aus traditionellen Anlageklassen selten in dieser Häufigkeit. Zweitens: Reflexive Medienlogik. Extreme Ereignisse erzeugen Aufmerksamkeit, also dominieren Crash-Schlagzeilen die öffentliche Wahrnehmung. Drittens: Komplexität. Viele Beobachter werfen Bitcoin, Altcoins, Börsen, Stablecoins und Krypto-Startups in einen Topf. Geht ein Unternehmen insolvent, wird daraus schnell ein Urteil über das gesamte Ökosystem.

Hinzu kommt der Generationenwechsel am Markt. In jeder Hausse kommen neue Anleger hinzu, die einen großen Bärenmarkt noch nicht erlebt haben. Wenn dann der erste starke Drawdown einsetzt, wirkt das wie ein historischer Ausnahmefall, obwohl es im Bitcoin-Kontext bereits mehrere vergleichbare Phasen gab. Diese Dynamik erzeugt eine Art kollektive Amnesie: Jede Krise fühlt sich „zum ersten Mal“ existenziell an.

Außerdem sind makroökonomische Faktoren entscheidend. Steigende Zinsen, sinkende Liquidität oder geopolitische Schocks treffen Risikoassets besonders hart. Bitcoin ist hiervon nicht entkoppelt. Die These vom „digitalen Gold“ wird in solchen Phasen oft geprüft und kontrovers diskutiert. Doch selbst wenn die Korrelationen kurzfristig enttäuschen, sagt das noch nichts über die langfristige Überlebensfähigkeit des Netzwerks aus.

Was Anleger aus der Bitcoin-Todesliste lernen können

Die wichtigste Lehre lautet: Narrativ und Struktur trennen. Schlagzeilen bilden oft den emotionalen Höhepunkt einer Bewegung ab, nicht den strukturellen Endzustand. Wer langfristig denkt, sollte daher auf robuste Indikatoren achten: Netzwerkaktivität, Entwickler-Ökosystem, regulatorische Trends, Verwahrrisiken und eigene Risikotragfähigkeit. Ein hoher Preis allein ist kein Qualitätsmerkmal, ein tiefer Preis allein kein Todesurteil.

Zweite Lehre: Risikomanagement ist Pflicht. Auch wenn Bitcoin bislang jede „Todesphase“ überstanden hat, bleibt das Asset spekulativ. Niemand kann garantieren, dass sich die Vergangenheit exakt wiederholt. Positionsgrößen, Zeithorizont, Liquiditätsreserve und klare Regeln für Ein- und Ausstieg sind wichtiger als jede kurzfristige Prognose.

Dritte Lehre: Infrastruktur schlägt Hype. Viele Verluste in den großen Krisen kamen nicht nur durch den Bitcoin-Kurs zustande, sondern durch Gegenparteirisiken: Börsenpleiten, fehlende Transparenz, riskante Renditeprodukte. Wer Bitcoin hält, sollte verstehen, wo das eigentliche Risiko liegt: nicht nur im Marktpreis, sondern auch in Verwahrung, Plattformwahl und Sicherheitspraktiken.

Dieser Artikel ist eine historische Einordnung und keine Anlageberatung. Bitcoin bleibt hochvolatil und kann erhebliche Verluste verursachen.

Fazit

Wie oft ist Bitcoin schon gestorben? In der öffentlichen Debatte unzählige Male. Historisch betrachtet folgte auf fast jede Phase maximaler Skepsis irgendwann eine neue Bewertungsphase. Das bedeutet nicht, dass Bitcoin „unverwundbar“ ist. Es bedeutet aber, dass man zwischen lautem Narrativ und tatsächlicher Systemfunktion unterscheiden sollte. Wer das versteht, trifft ruhigere Entscheidungen - unabhängig davon, ob man Bitcoin kauft, hält oder bewusst meidet.