Was sind gehebelte ETFs?
Gehebelte ETFs (auch Leveraged ETFs oder LETFs genannt) sind börsengehandelte Fonds, die versuchen, die tägliche Performance eines Index mit einem Vielfachen (meist 2x oder 3x) nachzubilden. Ein 2x gehebelter ETF auf den DAX würde also versuchen, an einem Tag, an dem der DAX um 1% steigt, um 2% zu steigen - oder entsprechend um 2% zu fallen, wenn der DAX 1% verliert.
Dies wird durch den Einsatz von Derivaten wie Futures, Swaps und anderen Finanzinstrumenten erreicht. Der ETF nimmt also Schulden auf oder nutzt Finanzderivate, um eine gehebelte Position einzugehen.
Wichtig: Der Hebel bezieht sich nur auf die tägliche Performance. Über längere Zeiträume weicht die Performance massiv vom erwarteten Vielfachen ab - und das meist zu deinen Ungunsten!
Der direkte Vergleich: Normale ETFs vs. Gehebelte ETFs
| Kriterium | Normaler ETF | Gehebelter ETF (2x) |
|---|---|---|
| Zielgruppe | Alle Anleger | Nur erfahrene Trader |
| Anlagehorizont | Langfristig (Jahre) | Kurzfristig (Stunden/Tage) |
| Kosten (TER) | 0,05% - 0,5% | 0,6% - 1,2% |
| Volatilität | Moderat | Extrem hoch |
| Verlustrisiko | Marktrisiko | Totalverlust möglich |
| Komplexität | Einfach | Sehr komplex |
Vergleichsrechnung: Was passiert wirklich?
Schauen wir uns ein konkretes Beispiel an, um den gravierenden Unterschied zu verstehen. Angenommen, du investierst 10.000 € in einen normalen DAX-ETF und 10.000 € in einen 2x gehebelten DAX-ETF. Der Markt entwickelt sich volatil:
| Tag | DAX Performance | Normaler ETF | 2x gehebelter ETF |
|---|---|---|---|
| Start | - | 10.000 € | 10.000 € |
| Tag 1 | +5% | 10.500 € | 11.000 € |
| Tag 2 | -6% | 9.870 € | 9.680 € |
| Tag 3 | +4% | 10.265 € | 10.454 € |
| Tag 4 | -3% | 9.957 € | 9.826 € |
| Tag 5 | +2% | 10.156 € | 10.020 € |
| Ergebnis | +1,56% | +156 € (+1,56%) | +20 € (+0,20%) |
📊 Das Ergebnis ist schockierend:
Obwohl der DAX insgesamt um 1,56% gestiegen ist, hat der 2x gehebelte ETF nur 0,20% zugelegt - also 7,8x weniger als erwartet! Dies liegt am sogenannten “Volatility Drag” oder “Compounding Effect”. Bei schwankenden Märkten erodiert der Wert gehebelter ETFs durch die tägliche Neugewichtung.
Die massiven Risiken im Detail
🔥 1. Volatility Decay (Volatilitätsverlust)
Wie im Beispiel gezeigt, führen Marktschwankungen zu einem systematischen Wertverlust. Selbst wenn der Markt langfristig stagniert, kann ein gehebelter ETF massiv an Wert verlieren. Bei hoher Volatilität können 50-70% Verlust innerhalb weniger Monate auftreten - und das sogar bei einem seitwärts laufenden Markt!
💸 2. Hohe Kosten
Gehebelte ETFs haben deutlich höhere Kosten: Die Gesamtkostenquote (TER) liegt meist zwischen 0,6% und 1,2% pro Jahr - das ist 3-10x höher als bei normalen ETFs. Hinzu kommen versteckte Kosten durch den täglichen Handel mit Derivaten, Finanzierungskosten der gehebelten Position und höhere Spreads.
📉 3. Totalverlustrisiko
Bei einem 3x gehebelten ETF kann theoretisch ein Tagesverlust von 33,3% des zugrunde liegenden Index zum Totalverlust führen. In der Praxis würde der ETF bei geringeren Verlusten bereits liquidiert oder “rebalanced” werden, aber das Risiko eines Quasi-Totalverlusts ist real.
🎲 4. Timing ist alles (und fast unmöglich)
Gehebelte ETFs funktionieren nur, wenn du perfekt den Markt timen kannst: Kaufen am Tiefpunkt, verkaufen am Hochpunkt, innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen. Studien zeigen, dass selbst Profis dies nicht konsistent schaffen können.
😰 5. Psychologische Belastung
Stell dir vor, dein Portfolio verliert an einem einzigen Tag 10-15%. Das ist bei gehebelten ETFs Alltag. Diese extreme Volatilität führt zu emotionalen Fehlentscheidungen: Panikverkäufe am Tiefpunkt oder gieriges Nachkaufen am Hochpunkt.
⚡ 6. Kontrahentenrisiko
Da gehebelte ETFs Derivate einsetzen, bist du vom Überleben des Vertragspartners (Kontrahenten) abhängig. In Krisensituationen kann dies zum Problem werden.
Eine persönliche Anekdote
Vor einigen Jahren beobachtete ich einen jungen Kollegen, nennen wir ihn Max, der mit gehebelten ETFs “schnell reich werden” wollte. Er hatte von der Performance eines 3x gehebelten NASDAQ-ETFs gehört, der in einem Bullenmarkt-Monat +45% gemacht hatte. Max investierte seine gesamten Ersparnisse von 15.000 € - Geld, das er für eine Wohnungsanzahlung zurückgelegt hatte.
Die ersten zwei Wochen liefen großartig. Sein Depot stand bei 17.500 €. Ich warnte ihn, Gewinne mitzunehmen, aber er war überzeugt, dass der Tech-Boom weitergehen würde. Dann kam eine volatile Phase: Der NASDAQ schwankte wild, mal +2%, mal -3%, seitwärts über drei Monate. Der Index selbst stand am Ende dieser drei Monate nur 1% höher. Max' gehebelter ETF? Minus 42%. Aus 15.000 € waren 8.700 € geworden.
Max verkaufte panisch am Tiefpunkt. Er hatte nicht nur seine Gewinne verloren, sondern auch einen großen Teil seines Startkapitals. Die Wohnungsanzahlung war futsch. Ein Jahr später investierte er das restliche Geld in einen simplen MSCI World ETF und schwor sich, nie wieder auf gehebelte Produkte zu setzen. Heute, fünf Jahre später, hat er sein Geld mit dem normalen ETF zwar zurückgewonnen und ist sogar im Plus - aber die emotionale Narbe und das verlorene Jahr bleiben.
Wann könnten gehebelte ETFs überhaupt Sinn machen?
Um ehrlich zu sein: Für die allermeisten Privatanleger gibt es praktisch keine Situation, in der gehebelte ETFs sinnvoll wären. Aber der Vollständigkeit halber:
- Du bist ein erfahrener Daytrader mit jahrelanger Erfahrung
- Du nutzt sie für sehr kurzfristige Trades (Stunden bis maximal Tage)
- Du riskierst nur Geld, das du zu 100% verlieren kannst
- Du verstehst genau, wie der Volatility Drag funktioniert
- Du hast ein striktes Risikomanagement mit Stop-Loss-Orders
- Es macht weniger als 5% deines Portfolios aus
Wichtig: Selbst wenn alle diese Punkte zutreffen, ist es wahrscheinlich trotzdem keine gute Idee! Die Wahrscheinlichkeit, langfristig Geld zu verlieren, ist extrem hoch.
Die bessere Alternative: Langfristig investieren
Anstatt mit gehebelten ETFs zu spekulieren, solltest du die bewährte Strategie verfolgen: Investiere regelmäßig in breit diversifizierte, kostengünstige ETFs über einen langen Zeitraum. Ein simpler MSCI World ETF hat historisch durchschnittlich 7-9% pro Jahr gebracht - ohne die extremen Risiken und ohne die Notwendigkeit von Market Timing.
✅ Rechenbeispiel: Der langweilige Weg zum Erfolg
Angenommen, du investierst 30 Jahre lang monatlich 500 € in einen normalen MSCI World ETF mit durchschnittlich 7% Rendite pro Jahr:
- Eingezahltes Kapital: 180.000 €
- Endwert: ca. 612.000 €
- Gewinn: 432.000 €
Das ist zwar nicht aufregend, aber es funktioniert. Kein Stress, kein Market Timing, keine schlaflosen Nächte. Einfach investieren und leben.
Fazit: Finger weg!
Gehebelte ETFs sind für 99% der Privatanleger eine schlechte Idee. Sie versprechen schnellen Reichtum, liefern aber meist schnellen Ruin. Die Kombination aus Volatility Decay, hohen Kosten, Timing-Notwendigkeit und extremem Stress macht sie zu einem der gefährlichsten Finanzprodukte für Laien.
Die harte Wahrheit: Wenn du diesen Artikel bis hierhin gelesen hast und denkst “das klingt kompliziert”, dann bist du definitiv nicht die Zielgruppe für gehebelte ETFs. Und selbst wenn du alles verstanden hast, bedeutet das nicht, dass du sie nutzen solltest.
💡 Mein Rat:
Spare dein Geld, deine Nerven und deine Zeit. Investiere in normale, breit gestreute ETFs, halte sie langfristig, und du wirst mit hoher Wahrscheinlichkeit finanziell erfolgreich sein. Langsam und stetig gewinnt das Rennen - nicht der gehebelte Sprinter, der auf der Hälfte der Strecke zusammenbricht.
Lerne mehr über sicheres Investieren
Wenn dich ETFs interessieren, empfehle ich dir, mit den Grundlagen zu beginnen:
Haftungsausschluss: Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Gehebelte ETFs sind hochspekulative Finanzinstrumente mit erheblichen Verlustrisiken bis zum Totalverlust. Investieren Sie nur Geld, dessen Verlust Sie sich leisten können, und konsultieren Sie bei Bedarf einen zugelassenen Finanzberater.